Prof. Dr. Michael Klein

Prof. Dr. Michael Klein, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie, Leiter der Kompetenzplattform Suchtforschung an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen (KFH NW), Köln (Im Vorwort zu "Der mündige Trinker" (Arbeitstitel, Sadowski, im Druck 2006))  

Mit dem vorliegenden Buch finden die Leserinnen und Leser eine, im deutschen Sprachbereich einmalige, Darstellung der Möglichkeiten und Chancen des Selbstmanagementansatzes in der Therapie der Alkoholabhängigkeit. Es ist erstaunlich, wie wenig dieser Ansatz, ursprünglich von Frederik H. Kanfer entwickelt, in Deutschland und den Nachbarländern rezipiert wurde. Dies mag vor allem seiner Komplexität geschuldet sein. Denn Selbstmanagement ist – wie auch der Titel des vorliegenden Buches „Der mündige Trinker“ zeigt – ein anspruchsvolles und zutiefst humanistisches Programm. Insofern ist es das besondere Verdienst des Autors Peter Sadowski, dass er Theorie, Modelle und Praxis des Selbstmanagements in seiner Anwendung auf alkoholbezogene Probleme dargestellt hat und damit zur sicherlich verdienten und notwendigen weiteren Verbreitung des Therapieansatzes beiträgt.

Zur Systematik des Selbstmanagements gehören vor allem,

  • dass der Patient selbst eindeutige Entscheidungen zum Behandlungsauftrag und zur Störungsbewältigung trifft, wobei er wohlwollende therapeutische Begleitung erfährt
  • dass den Betroffenen grundlegende Selbstmanagement-Kompetenzen vermittelt werden. Insofern liefert die Therapie entscheidende Bausteine zu einer erfolgreichen Lebensführung und einem gelingendem Leben
  • dass die funktionalen Zusammenhänge zwischen Störungsentwicklung und Persönlichkeit gemeinsam mit den Patienten identifiziert werden
  • und dass schließlich gemeinsam mit dem einzelnen Patienten Alternativen für die Art des Erlebens und Verhaltens erarbeitet werden, die bis dahin die Abhängigkeitsentwicklung gefördert hatten.

Die genannten Ziele verdeutlichen, dass Selbstmanagement ein radikal befreiender, emanzipativer Therapieansatz sein kann. Deshalb ist es für Suchtpatienten, die sich oft als Opfer ihres Suchtmittels, ihres Umfeldes oder ihres Lebens schlechthin fühlen, ein besonders geeigneter Ansatz. Indem die Verantwortung für Denken, Fühlen und Handeln thematisiert und neu kalibriert wird, besteht für viele Abhängige die Chance zur Befreiung, zu einem verantwortlichen und mündigen Leben. Dabei lernen die Patienten im Idealfall Selbststeuerung weit über den Zeitraum der Therapie hinaus. Im Optimalfall werden diese Kompetenzen für das gesamte Leben und alle Situationen, die dem Einzelnen begegnen, gelernt. Ausgehend von konkreten Problemen kann der Patient die grundlegende Haltung des Steuermanns auf dem eigenen Schiff lernen, der selbstverantwortlich, aber auch sozial und ethisch verantwortlich durch das Leben navigiert. Übergeordnetes Ziel der kompetenten Selbstregulation ist nicht nur die kompetente Selbstregulation, sondern auch die Selbstregulation der Selbstregulation. Der Einzelne soll erkennen, wie viel Steuerung er einsetzt und wann er darauf verzichten kann. Denn auch ein Alkoholabhängiger braucht Momente der Entgrenzung, des Lustgewinns und des Exzesses, wenn auch ohne sein altes Suchtmittel. Der Autor zeigt neben dem individuellen Nutzen des Selbstmanagements auch dessen gesundheitsökonomische Bedeutung auf. Eine höhere Verbreitung dieses Ansatzes und der damit verbundenen Kompetenzen hätte, durch die stärkere Selbstverantwortlichkeit der Bürgerinnen und Bürger, auch kostendämpfende Effekte im Gesundheitswesen. Das vorliegende Buch ist vor dem Hintergrund einer soliden Theorie in der Praxis entstanden. Auch das macht seinen besonderen Charme aus. Die beschriebenen Therapieelemente wurden an und mit Patientinnen und Patienten der Fachklinik für Abhängigkeitsrehabilitation in der Johanna-Odebrecht-Stiftung in Greifswald zur Praxisreife geführt. Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung und Nutzung. Es ist für den interessierten Praktiker, den lernenden Studierenden und den an Suchtforschung Interessierten gleichermaßen wertvoll.