Dr. Peter Sadowski

Meine Vorstellungen von psychotherapeutischen Maßnahmen bei Alkoholabhängigen¹

Als ich noch jünger war, nannte Osho sich noch Baghwan und aus Poona verbreitete sich die Botschaft: Therapie ist Liebe. Quatsch, hielten Zyniker entgegen; rent a friend sei die treffende Beschreibung. Beides finde ich übertrieben. Der Therapeut ist ein Auftragnehmer, der in einem definierten Zeitrahmen seinem Klienten oder Patienten hilft, definierte Änderungen im Erleben und im Verhalten, oder in beidem, des Klienten oder Patienten zu bewirken. Etwa zu jener Zeit verbreitete sich Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ auch in Deutschland. Die Figur der Miss Ratched (Kesey, 1962) wurde zum Sinnbild einer machtgeilen Menschenverächterin, die, hinter der Maske des Gutmenschen verborgen, die psychische Gesundheit und Leben von Patienten zerstört, wenn sie sich nicht in ein vorgegebenes System pressen lassen.  Heute schwärmt man eher vom Spirit des motivierenden Interviewens oder der motivierenden Intervention, der es erlaubt, ergebnisoffen mit Klienten bzw. Patienten Therapieziele auszuhandeln. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Kanfer hatte seine Überlegungen zur Selbstmanagement-Therapie schon früh die humanistische Form der Verhaltenstherapie genannt. Bei aller Achtung und Wertschätzung gegenüber Klienten bzw. Patienten bleiben therapeutische Arbeitsbündnisse doch definierte Beziehungen, die sich aus dem Arbeitsauftrag ergeben. Man sollte auch bedenken, dass die Beziehungen zwischen Therapeut und Patient nicht im luftleeren Raum zu Stande kommen, sondern sie kommen zu Stande innerhalb der Bedingungen, die von den gesetzlichen Kostenträgern gesetzt werden. Und in diesem Rahmen ist zurzeit eine Maßnahme zur Rehabilitation nur möglich, wenn vom Klienten bzw. Patienten Abstinenz angestrebt wird. Und eins noch: Leistungserbringer sehen sich gelegentlich berechtigt, über die Ansprüche der Kostenträger zu klagen (viel Leistung für wenig Geld). Aus der Sicht der Patienten hat sich die ordnende Kraft der Kostenträger im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen als segensreich erwiesen. Seit 1968 wurde das Behandlungsangebot für Abhängige zunehmend stärker professionalisiert, Behandlungszeiten wurden kürzer und therapeutische Interventionen konnten immer besser an die Umstände der jeweiligen Einzelfälle angepasst werden. Der gegenwärtige Zustand der Rehabilitations-Landschaft ist nicht zuletzt den Mindestanforderungen an Strukturqualität zuzuschreiben, die von gesetzlichen Kostenträgern für den Bereich der medizinischen Rehabilitation von Abhängigen durchgesetzt wurden. Die Anforderungen beschränken sich auf Bedingungen wie die Ausbildung der Mitarbeiter in Einrichtungen der Leistungserbringer, die Anzahl der Mitarbeiter im Verhältnis zur Anzahl der behandelten Patienten und das Vorlegen eines wissenschaftlich begründeten Konzeptes. Stark vereinfacht lässt sich sagen, dass der therapeutische Prozess aus der Sicht der „Vereinbarung Abhängigkeitserkrankungen“ wie eine Black Box gesehen wird. Es wird festgesetzt, wer hinein darf und hinterher wird geschaut, welche Ergebnisse sich messen lassen. Der logische nächste Schritt ist es, die Wirksamkeit der therapeutischen Mittel zu belegen, die in der Maßnahme zur medizinischen Rehabilitation eingesetzt werden. Wer diese Überlegungen anstellt, wird die Ergebnisse von Grawe und der um ihn versammelten Gruppe von Forschern nicht unterschätzen dürfen. Den Problemlösetherapien wird von dieser Forschergruppe ein ganz außerordentlich günstiges Wirkungsprofil (Grawe, Donati & Bernauer, 1994) zugeschrieben. Die Selbstmanagement-Therapie wird unter die Problemlösetherapien untergeordnet. Mit unserem Konzept haben wir den Kostenträgern die wissenschaftliche Begründung für dieses Vorgehen vorgelegt. Den von Grawe identifizierten Wirkvariablen wird in diesem Konzept in besonderer Weise Rechnung getragen. Mit dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, auf welche Art und Weise die von Grawe identifizierten Wirkvariablen in der therapeutischen Praxis angewendet werden.   Peter Sadowski, im Winter 2005

¹) Im Folgenden werden in der Regel die männlichen Formen von Patient und Therapeut benutzt; einziger Grund für die Wortwahl ist die (nach Einschätzung des Autors) bessere Lesbarkeit – weitergehende Absichten sind mit dieser Wortwahl nicht verbunden.